Schreiben nach Zahlen aka Self-Publishing

von Hanna Nissl — Gepostet in Bildung am 27. Juli 2017

Ein eigenes Buch zu schreiben ist ein Traum, den nicht wenige Menschen hegen, aber nur die Wenigsten verwirklichen. Zumindest war das der Fall, bis ein Trend, der bisher hauptsächlich in den USA weit verbreitet war, nun auch in Deutschland Fuß fasste.

Viele Vorteile ohne Verleger             

Die Idee des Self-Publishing ist so simpel wie verführerisch: schreibe das Buch, das du schon immer in dir hattest und veröffentliche es schnell und einfach als E-Book oder gar Paperback im Handel. Der Verlag wird umgangen, ganz abgesehen von der zehrenden Aufgabe, überhaupt einen Verlag zu finden, der bereit ist, das Herzensmanuskript zu veröffentlichen. Für Autoren und jene, die es werden wollen, ist das ein sehr attraktives Angebot. Bei Plattformen wie kindle direct publishing kann das fertige Buch selbstständig hochgeladen und verwaltet werden. Möchte man sich nicht selbst mit den Shops auseinandersetzen, gibt es Anbieter wie epubli, die sowohl Unterstützung im Gestaltungsprozess, als auch bei der Veröffentlichung offerieren. Auch die Beteiligung am Gewinn ist tendenziell höher als bei der Veröffentlichung über einen Verlag. Während Autoren über den herkömmlichen Vertrieb 5-10% des Verkaufserlös erhalten, liegt der Anteil im Self-Publishing bei 20% bis 70%. Außerdem bleiben alle Rechte an den Texten bei dem Autor bzw. der Autorin. Verlockend ist auch die größere schöpferische Freiheit, die der Autor genießt. Das Werk muss weder einem bestimmten Genre, noch den Anforderungen eines schwierigen Marktes entsprechen. Theoretisch kann der Autor also schreiben und veröffentlichen, was ihm oder ihr gefällt. Somit steht es jedem offen, zum Autor zu werden, nicht nur jenen, die schon lange versuchen, ein Manuskript über einen Verlag zu veröffentlichen und immer wieder abgewiesen werden, sondern auch jenen, die die Autorschaft einfach einmal ausprobieren möchten. Kein Wunder also, dass sich die verschiedenen Self-Publishing Services bei Autoren großer Beliebtheit erfreuen. Das Self-Publishing Angebot scheint eine gute Möglichkeit für künstlerische Freiheit ohne Einschränkungen zu bieten, die eine bunte Vielfalt an Literatur zulässt.

Doch entspricht dieser theoretische Eindruck der Realität des Angebots?

Was findet man als Leser, der in den E-Book Shops stöbert? Wie erfolgreich sind die Verlags-freien E-Books?

Eine einfarbige Realität

Befragt man die E-Book Bestsellerlisten, so übersteigen die Verkäufe der self-published E-Books sogar die der von Verlagen veröffentlichten E-Books. Die nicht-lektorierten Romane scheinen also mehr als gut anzukommen beim lesewilligen Publikum.

Zum einen mag das an den günstigen Preisen liegen. Diese werden von den Autoren zumeist selbst gesetzt und orientieren sich für gewöhnlich an der Wortzahl. Außerdem werden Die Bücher in Angeboten wie dem kindle unlimited  Abonnement von Amazon in rauer Menge dargeboten. Damit sind alle Bedingungen für „bingereading“ nach Lust und Laune erfüllt. Noch dazu handelt es sich meistens um „leichte Lektüre“ bei der die Genres Romantik und Erotik einen Großteil des Repertoires ausmachen.  Ebenfalls häufig vertreten sind Thriller und Krimis, oder eine Mischung aus allen drei. Entspannung mit genügend Spannung, sozusagen. Hier aber könnte auch schon das Problem beginnen. Der Leser weiß meistens genau, was er bekommt. Es gibt nicht nur genaue Beschreibungen des meist klar strukturierten Handlungshergangs, sondern auch umfangreiche Disclaimer, die den Lesern mitteilen, was genau sie zu erwarten haben. Es gibt Angaben zum Genre  – „erotischer Liebesroman“-, Abgeschlossenheit der Buchreihe, Wortanzahl und Hinweise wie „keine Cliffhanger, explizite Szenen“.

Schreiben nach Zahlen

Die Häufigkeit dieser spezifischen, sogenannten Disclaimer bei verschiedenen Romanen von unterschiedlichen Autoren, lassen interessante Schlüsse über die Ansprüche der Leserschaft zu. Romantisch soll es sein! Der gängige Plot im Schema F: ein starker, am besten unglaublich reicher Mann in einer Machtposition verliebt sich unsterblich in eine unscheinbare, machtlose Frau und schaut folglich kein anderes weibliches Wesen auch nur an, verfällt Ihr also mit Haut und Haar.  Auch dafür gibt es Disclaimer; „keine Untreue, Happy End“. Das Konzept ist also meist sehr ähnlich bis deckungsgleich, zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man durch die meistverkauften E-Books und ihre Beschreibungen stöbert. Schnell kristallisiert sich dabei eines heraus: Hier wird Lektüre am Fließband produziert. Schreiben nach Zahlen, wenn man so will. Eine Buchproduktion, die alleine von den Marktanforderungen geleitet wird. Die Leser stellen Forderungen und die Autoren erfüllen diese. Dieser Prozess erscheint fast wie eine verkehrte Welt. Denn obwohl sich natürlich jegliche Buchproduktion am Markt orientiert, wird zumindest im klassischen Autoren-Verleger Modell noch auf Originalität und neue Ideen Wert gelegt. Dieser Anspruch wird aber scheinbar an E-Books nicht gestellt. Stattdessen erwarten Leser Kontinuität und Erwartbarkeit. Sie haben eine genaue Vorstellung davon, was sie konsumieren wollen. Und das ist nicht kontrovers oder unbequem oder kompliziert. Nein, diese Leserschaft will Romantik, unsterbliche Liebe, Spannung mit offensichtlichem Happy End. Eine knisternde, aber heile Welt, wenig Realität und viel Klischee. Also lässt sich  mit Klischees und Kitsch das meiste Geld machen. Wen wundert es da, dass beides zu Hauf verarbeitet wird, immer ähnlich genug, dass ein Wiedererkennungswert besteht und unterschiedlich genug, um den Plagiatsvorwurf zu vermeiden. Qualität, Originalität und Innovation werden ersetzt durch Erwartbarkeit und Wohlfühlschmalz. Das erklärt wohl auch die deutlich geringeren Preise. Es gibt keinen Verlag, der sich für den literarischen Anspruch der Werke verbürgt. Die Kosten, die durch die Auslassung der Qualitätsschnittstelle Verlag dabei gespart werden, schlagen sich in der Gewinnspanne der Autoren und natürlich auch der Shops nieder.

Das „Inside“ und „Outside“ der Literaturproduktion

Natürlich soll damit nicht ausgeschlossen werden, dass auch self-published Bücher anspruchsvoll und von hoher literarischer Qualität sein können. Einige Autoren veröffentlichen zunächst selbst und werden nach genügend Erfolg von namhaften Verlagen übernommen.  Aber der Großteil verbleibt in den E-Book Shops und in der Welt des Self-Publishings. Dabei hilft es nicht, dass Werke aus dem Self-Publishing ganz und gar vom literarischen Diskurs ausgeschlossen werden. Sie erhalten weder Preise, noch erscheinen Besprechungen oder Kritiken in irgendeinem Feuilleton. Wenn also der Input aus dieser Richtung fehlt, an was sonst sollen sich die Autoren orientieren, als am Leserwillen? Kann man es ihnen verübeln, mit Ihrer literarischen Produktion Geld verdienen zu wollen und somit den schematischen Vorgaben nachzugehen, die der Markt schafft?  Natürlich bleibt die Frage: Ist das noch Literatur im Sinne von ästhetisch anregender Kunst? Oder mehr Lektüre-Fast-Food? Verlage investieren schließlich nicht umsonst viel Zeit und Aufmerksamkeit in ein literarisches Produkt. Das macht die veröffentlichten Bücher zwar teurer, doch editierter Content mit einem ganzen Marketingapparat dahinter kostet nun mal. Ist aber das Qualitäts-Argument wirklich ein Grund, die Literatur aus dem Self-Publishing außer Acht zu lassen? Oder sollte es nicht viel mehr ein Zeichen an Verlage und Kritiker sein, dass es einen Markt gibt, der offen ist für genau die Autoren, die von ihnen abgewiesen und ignoriert werden? Sollte der Anspruch nicht vielleicht sein, den Bereich des Self-Publishings zu erschließen, in den literarischen Diskurs aufzunehmen und damit die Qualität der Literatur zu heben? Tatsache ist, dass Self-Publishing immer erfolgreicher wird, nicht nur bei Autoren, sondern auch bei Lesern. Und Entwicklungen, die die Dinge für alle Beteiligten leichter machen, lassen sich selten aufhalten. Auf eine einsame Insel nehme ich dann doch, schon alleine wegen der fehlenden Lademöglichkeit für den Kindle, lieber Christa Wolf´s „Medea. Stimmen“ als gedruckte Ausgabe mit und verzichte gern auf den aktuellen Kindle Bestseller Dying Rose – Rosalia and the Beast.

Schreiben nach Zahlen aka Self-Publishing

Bildung

Self-Publishing entsprechend dem Leserwunsch

Ein eigenes Buch zu schreiben ist ein Traum, den nicht wenige Menschen hegen, aber nur die Wenigsten verwirklichen. Zumindest war das der Fall, bis ein Trend, der bisher hauptsächlich in den USA weit verbreitet war, nun auch in Deutschland Fuß fasste.

Viele Vorteile ohne Verleger             

Die Idee des Self-Publishing ist so simpel wie verführerisch: schreibe das Buch, das du schon immer in dir hattest und veröffentliche es schnell und einfach als E-Book oder gar Paperback im Handel. Der Verlag wird umgangen, ganz abgesehen von der zehrenden Aufgabe, überhaupt einen Verlag zu finden, der bereit ist, das Herzensmanuskript zu veröffentlichen. Für Autoren und jene, die es werden wollen, ist das ein sehr attraktives Angebot. Bei Plattformen wie kindle direct publishing kann das fertige Buch selbstständig hochgeladen und verwaltet werden. Möchte man sich nicht selbst mit den Shops auseinandersetzen, gibt es Anbieter wie epubli, die sowohl Unterstützung im Gestaltungsprozess, als auch bei der Veröffentlichung offerieren. Auch die Beteiligung am Gewinn ist tendenziell höher als bei der Veröffentlichung über einen Verlag. Während Autoren über den herkömmlichen Vertrieb 5-10% des Verkaufserlös erhalten, liegt der Anteil im Self-Publishing bei 20% bis 70%. Außerdem bleiben alle Rechte an den Texten bei dem Autor bzw. der Autorin. Verlockend ist auch die größere schöpferische Freiheit, die der Autor genießt. Das Werk muss weder einem bestimmten Genre, noch den Anforderungen eines schwierigen Marktes entsprechen. Theoretisch kann der Autor also schreiben und veröffentlichen, was ihm oder ihr gefällt. Somit steht es jedem offen, zum Autor zu werden, nicht nur jenen, die schon lange versuchen, ein Manuskript über einen Verlag zu veröffentlichen und immer wieder abgewiesen werden, sondern auch jenen, die die Autorschaft einfach einmal ausprobieren möchten. Kein Wunder also, dass sich die verschiedenen Self-Publishing Services bei Autoren großer Beliebtheit erfreuen. Das Self-Publishing Angebot scheint eine gute Möglichkeit für künstlerische Freiheit ohne Einschränkungen zu bieten, die eine bunte Vielfalt an Literatur zulässt.

Doch entspricht dieser theoretische Eindruck der Realität des Angebots?

Was findet man als Leser, der in den E-Book Shops stöbert? Wie erfolgreich sind die Verlags-freien E-Books?

Eine einfarbige Realität

Befragt man die E-Book Bestsellerlisten, so übersteigen die Verkäufe der self-published E-Books sogar die der von Verlagen veröffentlichten E-Books. Die nicht-lektorierten Romane scheinen also mehr als gut anzukommen beim lesewilligen Publikum.

Zum einen mag das an den günstigen Preisen liegen. Diese werden von den Autoren zumeist selbst gesetzt und orientieren sich für gewöhnlich an der Wortzahl. Außerdem werden Die Bücher in Angeboten wie dem kindle unlimited  Abonnement von Amazon in rauer Menge dargeboten. Damit sind alle Bedingungen für „bingereading“ nach Lust und Laune erfüllt. Noch dazu handelt es sich meistens um „leichte Lektüre“ bei der die Genres Romantik und Erotik einen Großteil des Repertoires ausmachen.  Ebenfalls häufig vertreten sind Thriller und Krimis, oder eine Mischung aus allen drei. Entspannung mit genügend Spannung, sozusagen. Hier aber könnte auch schon das Problem beginnen. Der Leser weiß meistens genau, was er bekommt. Es gibt nicht nur genaue Beschreibungen des meist klar strukturierten Handlungshergangs, sondern auch umfangreiche Disclaimer, die den Lesern mitteilen, was genau sie zu erwarten haben. Es gibt Angaben zum Genre  – „erotischer Liebesroman“-, Abgeschlossenheit der Buchreihe, Wortanzahl und Hinweise wie „keine Cliffhanger, explizite Szenen“.

Schreiben nach Zahlen

Die Häufigkeit dieser spezifischen, sogenannten Disclaimer bei verschiedenen Romanen von unterschiedlichen Autoren, lassen interessante Schlüsse über die Ansprüche der Leserschaft zu. Romantisch soll es sein! Der gängige Plot im Schema F: ein starker, am besten unglaublich reicher Mann in einer Machtposition verliebt sich unsterblich in eine unscheinbare, machtlose Frau und schaut folglich kein anderes weibliches Wesen auch nur an, verfällt Ihr also mit Haut und Haar.  Auch dafür gibt es Disclaimer; „keine Untreue, Happy End“. Das Konzept ist also meist sehr ähnlich bis deckungsgleich, zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man durch die meistverkauften E-Books und ihre Beschreibungen stöbert. Schnell kristallisiert sich dabei eines heraus: Hier wird Lektüre am Fließband produziert. Schreiben nach Zahlen, wenn man so will. Eine Buchproduktion, die alleine von den Marktanforderungen geleitet wird. Die Leser stellen Forderungen und die Autoren erfüllen diese. Dieser Prozess erscheint fast wie eine verkehrte Welt. Denn obwohl sich natürlich jegliche Buchproduktion am Markt orientiert, wird zumindest im klassischen Autoren-Verleger Modell noch auf Originalität und neue Ideen Wert gelegt. Dieser Anspruch wird aber scheinbar an E-Books nicht gestellt. Stattdessen erwarten Leser Kontinuität und Erwartbarkeit. Sie haben eine genaue Vorstellung davon, was sie konsumieren wollen. Und das ist nicht kontrovers oder unbequem oder kompliziert. Nein, diese Leserschaft will Romantik, unsterbliche Liebe, Spannung mit offensichtlichem Happy End. Eine knisternde, aber heile Welt, wenig Realität und viel Klischee. Also lässt sich  mit Klischees und Kitsch das meiste Geld machen. Wen wundert es da, dass beides zu Hauf verarbeitet wird, immer ähnlich genug, dass ein Wiedererkennungswert besteht und unterschiedlich genug, um den Plagiatsvorwurf zu vermeiden. Qualität, Originalität und Innovation werden ersetzt durch Erwartbarkeit und Wohlfühlschmalz. Das erklärt wohl auch die deutlich geringeren Preise. Es gibt keinen Verlag, der sich für den literarischen Anspruch der Werke verbürgt. Die Kosten, die durch die Auslassung der Qualitätsschnittstelle Verlag dabei gespart werden, schlagen sich in der Gewinnspanne der Autoren und natürlich auch der Shops nieder.

Das „Inside“ und „Outside“ der Literaturproduktion

Natürlich soll damit nicht ausgeschlossen werden, dass auch self-published Bücher anspruchsvoll und von hoher literarischer Qualität sein können. Einige Autoren veröffentlichen zunächst selbst und werden nach genügend Erfolg von namhaften Verlagen übernommen.  Aber der Großteil verbleibt in den E-Book Shops und in der Welt des Self-Publishings. Dabei hilft es nicht, dass Werke aus dem Self-Publishing ganz und gar vom literarischen Diskurs ausgeschlossen werden. Sie erhalten weder Preise, noch erscheinen Besprechungen oder Kritiken in irgendeinem Feuilleton. Wenn also der Input aus dieser Richtung fehlt, an was sonst sollen sich die Autoren orientieren, als am Leserwillen? Kann man es ihnen verübeln, mit Ihrer literarischen Produktion Geld verdienen zu wollen und somit den schematischen Vorgaben nachzugehen, die der Markt schafft?  Natürlich bleibt die Frage: Ist das noch Literatur im Sinne von ästhetisch anregender Kunst? Oder mehr Lektüre-Fast-Food? Verlage investieren schließlich nicht umsonst viel Zeit und Aufmerksamkeit in ein literarisches Produkt. Das macht die veröffentlichten Bücher zwar teurer, doch editierter Content mit einem ganzen Marketingapparat dahinter kostet nun mal. Ist aber das Qualitäts-Argument wirklich ein Grund, die Literatur aus dem Self-Publishing außer Acht zu lassen? Oder sollte es nicht viel mehr ein Zeichen an Verlage und Kritiker sein, dass es einen Markt gibt, der offen ist für genau die Autoren, die von ihnen abgewiesen und ignoriert werden? Sollte der Anspruch nicht vielleicht sein, den Bereich des Self-Publishings zu erschließen, in den literarischen Diskurs aufzunehmen und damit die Qualität der Literatur zu heben? Tatsache ist, dass Self-Publishing immer erfolgreicher wird, nicht nur bei Autoren, sondern auch bei Lesern. Und Entwicklungen, die die Dinge für alle Beteiligten leichter machen, lassen sich selten aufhalten. Auf eine einsame Insel nehme ich dann doch, schon alleine wegen der fehlenden Lademöglichkeit für den Kindle, lieber Christa Wolf´s „Medea. Stimmen“ als gedruckte Ausgabe mit und verzichte gern auf den aktuellen Kindle Bestseller Dying Rose – Rosalia and the Beast.

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